Es gibt keinen Weihnachtsmann …

 

Wenn ich an all diese Bilder denke, die ich den letzten Monaten gesehen habe, dann bin ich einmal mehr betroffen, zu welcher Gewalt Menschen fähig sind. Zu einer in der heutigen Zeit vom Persönlichen losgelösten, abstrakten Gewalt. Aus einem abstrusen Glauben an eine Göttlichkeit heraus die Einen. Und aus einer perversen, egoistischen Ignoranz dem differenzierten Ganzen gegenüber die Anderen. Aber beide mit den gleichen Mitteln der technisch potenzierten Gewalt, die uns die Neuzeit ermöglicht hat.

 

Baudrillard formuliert zwar eine genauso scharfsichtige wie treffende Kritik, doch geht er der Sache nach meiner Meinung nicht auf den Grund, sondern beschreibt lediglich die Veränderung, den Wandel, der stattfindet. Als gäbe es eine Wirklichkeit hinter den Bildern, die man früher noch so gesehen hat.

 

Wer den Wandel in der Naturwissenschaften im 20 Jhd. aufmerksam verfolgt hat, den Eintritt in das theoretische Quantenzeitalter, der weiß: Was immer wir betrachten, wir erzeugen das Ereignis durch unsere Betrachtung letztlich selbst. Und ob wir nun vermeintlich reale Ereignisse weniger faktisch, sondern mehr medial instrumentalisiert sehen, spielt dabei eigentlich nur eine untergeordnete Rolle. Es ist und bleibt unser eigenes Ereignis, welches wir betrachten. Unsere eigene Wut, unsere Ängste, unser Hass, unser Schmerz oder sogar unsere Freude. Individualismus in seiner höchsten Form. 

 

Jegliche Form, an der wir uns bis jetzt festzuhalten gewohnt waren, löst sich seit Anfang des 20. Jhd. unter unserem Greifen auf. Wahrscheinlich war das früher auch schon so. Nur jetzt sind wir uns dessen bewusst. Und übrig bleibt nur: Leere. Sinnentleerte Leere, wohlgemerkt. Und die wird aufgefüllt mit Masse, genauer formuliert, endlose Informationsmenge.

 

Logischerweise bekommen die Medien dadurch immer mehr Gewicht und der Inhalt selbst wird nachrangig. Hauptsache er taugt dazu, zu packen, zu schocken und mitzureißen. Solange er nur Bewegung in der immer leerer werdenden Leere in uns selbst zu erzeugt. Man könnte sogar behaupten, wir erzeugen all diese Ereignisse selbst, jeder von uns. Weil wir sie brauchen und danach gieren, das “etwas“ passiert, was uns ablenkt von dem, was wir wirklich fürchten: uns selbst. 

 

Das betrifft vor allem das abendländisch Denken, ob nun christlich oder islamisch. Aus asiatischer Sichtweise, insbesondere aus buddhistischer Sichtweise, ist unser momentaner Geisteszustand eine logische Entwicklung. Am Ende jeder Entwicklung steht das Erreichen des höchsten Gutes: dem Bewusstsein der Leerheit.

 

Nur, das wir im Westen nicht darauf vorbereitet waren auf diese unheimlich 'Leere', weil wir uns über das Ziel unseres Fortschrittes keine Gedanken gemacht haben. Wir waren darauf bedacht den Fortschritt genau aufzuzeichnen, um ihn unbegrenzt wiederholen zu können. Und fallen nun, nachdem Nietzsche all unsere Werte mit einmal zerstört hat, wieder und wieder in diese Leerheit, die den Kern allen Bewusstseins bildet, ohne aber – wie die Asiaten – über das Jahrtausende alte Wissen des "in der Leere Seins" verfügen. 

 

Hat man – wie auch immer – diese Erfahrung bewusst erlebt, das Denken im Denken selbst aufgelöst, dann versteht man sich selbst, vor allem seine Wahrnehmung in seiner Bedeutung für einen Selbst. Und so traurig und schmerzvoll dann Ereignisse auch sein mögen, sie werden integriert und verarbeitet, statt weitergegeben und endlos fortgesetzt. Und man begreift immer mehr das Vorhandenseins einer tatsächlichen und allumfassenden Wirklichkeit.

 

Einer Ganzheit, die nicht einer sich ständig wandelnden Oberfläche von Trugbildern gleicht und auf irgendwelchen Vorstellungen von Realität gründet, sondern auf dem Fluss und der inneren Ordnung der Ereignisse in uns selbst beruht, die ein Spiegel der universalen Ordnung ist, oder auch der göttlichen, wenn man es so nennen will. 

 

Die Leerheit wird einem zum tiefen Freund und stillen Begleiter, zum Spiegel und Prüfstein des eigenen Denkens. Und zu guter Letzt zum Freiraum, zur Quelle des Unmöglichen: Durch Lieben und Verzeihen jenen helfen, die sich und andere verletzen. Manche mögen das Idealismus oder Glauben nennen. Für mich ist diese Wirklichkeit Realität, und sie ist gut so wie sie ist.